Re.Vo.Lu.Tion.

Gedanken zur Wahl

Nein, ich bin nicht dankbar für das ‚Privileg‘, wählen zu ‚dürfen‘. Ich bin der Souverän. Ich bin frei geboren. Wer sollte mir das Recht zu wählen verweigern können? Und natürlich weiß ich den historischen Zufall zu schätzen, dass es so ist. Und natürlich komme ich trotz aller Zweifel am System immer wieder dahin, das Wählen als meine Pflicht zu betrachten. Aber als Privileg? Schwerlich.

Das wahre Privileg in unserem System ist es, sich wählen lassen zu können, das politische Tagesgeschäft für eine Weile übertragen zu bekommen. Und das schließt auch diejenigen ein, deren Anliegen wir für unbegründet oder idiotisch halten. Ich würde gern morgen meinen Job hinschmeißen, weil der Gedanke, mit meinen Steuern die Diäten der AfDler zu bezahlen, bei mir Brechreiz auslöst. Aber wie demokratisch ist das? Und meine Güte, Horst, Siggi und Alex habe ich ja schließlich auch ausgehalten.

Vielleicht ist diese Wahl, die mir so schwer gefallen ist wie noch nie eine zuvor, eine Gelegenheit, uns daran zu erinnern, dass wir unsere Pflicht als Souverän mit der Wahl noch nicht erledigt haben.

Als Chefin stelle ich meine Mitarbeiter auch nicht ein, wünsche ihnen viel Glück und geh dann nach Hause. Ich kümmere mich darum, dass sie ihren Job gut machen. Und gut machen können. Als Souverän zwingt mich das Wahlergebnis heute vermutlich, meine Pflicht mal wieder etwas ernster zu nehmen und nicht zu vergessen, dass es jeden Tag mit an mir liegt, welche Politik in diesem Land möglich ist.

Natürlich ist es verlockend, sich selbst nur als Wahlvieh zu sehen: machtlos ‚denen da oben‘ ausgeliefert. Die Wahl zwischen Pest und Cholera ist ja so oft beschworen worden in den letzten Wochen, dass man fast umschulen möchte zur Krankenschwester. Sich selbst als Souverän zu betrachten, ausgestattet mit der Macht, Privilegien zu erteilen, ist ungleich schwieriger, weil mit der Verantwortung einhergehend für das, was ‚die da oben‘ verzapfen. Was man die verzapfen lässt. Ich weiß auch nicht so richtig, wie’s geht. Aber wenn ‚die da oben‘ ab heute offen nationalsozialistische Menschen einschließt, bin ich bereit, das herauszufinden. Rock’n Roll!

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