Kavanaugh – Warum wir so wütend sind

Gestern wurde Brett Kavanaugh als Richter am Supreme Court der USA vereidigt. Ich wünsche den USA einen Aufschrei, eine Revolution. Ich wünsche mir, dass alle Frauen und Männer, die je Opfer eines sexuellen Übergriffs oder einer Diskriminierung wurden, auf die Straße gehen und erst wieder aufhören zu kämpfen, wenn der Senat brennt.

Dabei sollte ich mich eigentlich mit der Situation hier bei uns beschäftigen, wir haben wahrlich eigene Probleme. Warum macht mich ausgerechnet die Berufung von Brett Kavanaugh so wütend?

Wer die Rede von Senatorin Collins gehört hat, der kommt nicht umhin, ihr an einer Stelle recht zu geben: Im Zweifel für den Angeklagten. Und besonders groß sind die Zweifel an Kavanaughs Unschuld nicht gewesen, einen sexuellen Übergriff nach 36 Jahren zu beweisen ist nahezu unmöglich. Nach 36 Stunden funktioniert das ja schon selten genug. Das ist die Natur sexueller Übergriffe. Insbesondere wenn es weder zu einer Vergewaltigung noch zu starker körperlicher Gegenwehr kam, so dass Genspuren oder Verletzungen hinterlassen wurden, ist es recht schwierig nachzuweisen, was passiert ist.

Im Zweifel für den Angeklagten

Nun ist ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘ ein super Grundsatz. Vor Gericht. In einer Verhandlung. Dort muss die Schuld eines Angreifers zweifelsfrei bewiesen werden, bevor er verurteilt wird. Und das ist auch gut so. Nur wird es zu einer Verhandlung im Fall Blasey Ford vs. Kavanaugh nie kommen. Erstens ist die Tat ewig und drei Tage her. Und zweitens ist es eines der unerklärlichen Rätsel im Amerikanischen Rechtssystem: Man kann wochenlang im Senat und im nationalen und internationalen TV über eine Straftat berichten, ohne dass jemand Ermittlungen aufnimmt. Ich verstehe es nicht.

Bei Verhandlungen über Sexualstraftaten wird es normalerweise darauf hinauslaufen, wem man glaubt. Die Glaubwürdigkeit des Opfers in Frage zu stellen ist die wichtigste Verteidigungsstrategie. Und das ist das Verrückte hier: Kaum ein Senator hat sich hingestellt und gesagt: Ich glaube Dr. Blasey Ford nicht. Im Gegenteil, die meisten waren sichtlich berührt von ihren Einlassungen. Der Mindfuck, den diese Leute anwenden, um die Wahl von Brett Kavanaugh vor ihren Wählern zu rechtfertigen, ist: Wir glauben dem Opfer. Wir glauben nur nicht, dass sie den richtigen Täter identifiziert hat.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, geht sogar so weit, sich öffentlich darüber lustig zu machen, was Dr. Blasey Ford von der fraglichen Nacht alles nicht mehr weiß. Und bedient damit genau diese mentale Ausrede: Na komm, aufgrund so einer Aussage willst du doch einem Mann keine Steine in den Karriereweg legen!?!

Woran ich mich erinnere

Dieses Gerede über ihre ‚Verwirrtheit‘ hat mich an einen Vorfall erinnert, der mir passiert ist. Und ich habe versucht, ihn zu rekonstruieren. Ich war mit einem Mann, den ich gut kannte, in seinem Auto unterwegs.

  • Ich erinnere mich nicht an das Datum.
  • Ich weiß deshalb auch nicht genau, wie alt ich war.
  • Ich weiß nicht, wie spät es war.
  • Ich erinnere mich nicht ans Wetter.
  • Ich erinnere mich nicht an das Modell des Wagens.
  • Ich glaube, ich weiß noch, welche Farbe das Auto hatte, aber das kann auch daran liegen, dass ich den Mann und seinen Wagen kannte.
  • Ich habe mir das Kennzeichen nicht gemerkt.
  • Ich weiß nicht, was ich für Klamotten anhatte.
  • Ich weiß auch nicht, was er trug.
  • Ich weiß nichts mehr von dem, worüber wir uns während der Fahrt unterhalten haben.
  • Ich weiß nicht, wo wir waren oder warum ich in seinem Auto war. Ich glaube, er hat mich von einem Termin mit zurückgenommen.
  • Ich weiß genau, wo er mich berührt hat.
  • Ich erinnere mich, wie die Atmosphäre in dem Auto sich schlagartig verändert hat.
  • Und ich weiß genau, mit wem ich im Auto saß.

Ich erinnere mich außerdem gut an die furchtbare Angst. Ich spüre sie jetzt noch.

Nicht die Angst, dass mir etwas passiert. Nein. Ich hatte die Situation sehr schnell im Griff. Ich hatte unbändige Angst, dass ich einen Mann, den ich respektierte und dem ich viel zu verdanken hatte, fälschlicherweise eines Übergriffs bezichtigte.

Denn das ist, wie Opfer reagieren:
  • Das ist nicht passiert.
  • Die Berührung war ein Versehen.
  • Ich habe die Situation falsch eingeschätzt.
  • Er war nur nett.
  • Das war nur eine ungeschickte Anmache.
  • Ich habe überreagiert.
  • Er wollte nur mal sehen, ob ich zu haben wäre.
  • Ich bin hysterisch von dem ganzen medialen Gerede über sexuelle Gewalt.
  • Er meinte das gar nicht sexuell.
  • Es ist ja nichts passiert.

Wir suchen nach all den Gründen, aus denen die Situation doch kein Übergriff war. Dass wir kein Opfer geworden sind. Wir geben unseren Tätern immer den ‚benefit of the doubt‘. Wir betrachten lieber uns selbst als hysterische Emanzen, die es nicht erkennen, wenn ein Mann mit ihnen flirtet, als dass wir zugeben, dass jemand, den wir zu kennen glaubten, uns angegriffen hat. Je subtiler die Belästigung, je weniger körperliche Gewalt im Spiel ist, je schneller der Übergriff bei einer Grenzziehung wieder abgebrochen wird, desto eher wird das Opfer sich selbst einreden, dass es gar keinen Angriff gegeben hat. WIR sind die ersten, die ‚im Zweifel FÜR den Angeklagten‘ argumentieren.

Nalli Sonnenschein Romantik vs. Stalking
Romantik oder Stalking?

Und darum macht es mich rasend wütend, wie im Fall Kavanaugh argumentiert wird. Ich weiß auch nicht, ob er es war. Vor Gericht würde er freigesprochen werden, und damit könnte ich auch gut leben. Weil es besser ist, dass ein Täter freigesprochen wird, als dass ein Unschuldiger in den Knast geht. What goes around, comes around. Anyway.

Aber als Frau weißt du, wenn du angegriffen wurdest. Du weißt auch, wer im Club ein Auge auf dich geworfen hat, wer überlegt, aber sich nicht ran traut, oder wer nur spielen will. Das ist weibliche Kernkompetenz. Und es ist überlebensnotwendig. Unser Leben kann davon abhängen, die Absichten eines Mannes richtig einzuschätzen. Den ‚benefit of the doubt‘ können wir uns im Zweifel nicht leisten.

Leider werden wir von klein auf darauf trainiert, unserem Instinkt nicht zu trauen. Wir werden von außen definiert: Sind wir hübsch? Sind wir eine Schlampe? Wird eines Tages ein Mann unserem Dasein die Berechtigung erteilen, indem er uns zur Gattin wählt? Die Gefühle von Frauen werden auf ihren Hormonstatus reduziert und ihre Fähigkeit zum rationalen Beurteilen einer Situation endet in der Sekunde, in der sie das erste Mal Sexismus als solchen benennt.

Wir müssen ständig darum kämpfen, dass unsere Sicht der Dinge relevant ist. Wir sind es so gewohnt, dass die Welt FÜR uns definiert wird und nicht DURCH uns, dass wir sogar, wenn wir angegriffen werden, zuerst darüber nachdenken, was der Täter wirklich wollte. Und mehr Angst davor haben, jemanden falsch zu bezichtigen als vor dem, was er uns antun könnte.

Falsche Anschuldigungen

Und die Männer? Haben Angst: Soll jetzt etwa nur noch die Einschätzung der Frau gelten, ob etwas eine Anmache war oder ein Angriff? Können wir bitte ein Handbuch bekommen, welches Verhalten in Ordnung ist und welches nicht? Nein? Na, dann habt halt selber schuld, ihr frigiden Feminazis.

Ich verstehe gut, dass Männer Angst haben vor falschen Anschuldigungen. Als ich die Reaktionen auf Brett Kavanaughs Auftritt im Senat gelesen habe, dass er so unbeherrscht gewesen sei, da dachte ich so bei mir: Welche Reaktion erwarten wir eigentlich von einem Mann, der möglicherweise gerade falsch einer Straftat bezichtigt wird? Als Mann hast du doch dann die Arschkarte. Kannst du da ruhig und gelassen Fragen beantworten? Ich tippe auf Nein. Welche Antwort erwarten wir, wenn ein Mann in seiner Position vor seiner Frau und der gesamten Öffentlichkeit gefragt wird, was ‚Devil’s Triangel‘ ist? Soll er zugeben, dass er im College Poposex hatte?

Ich glaube sogar, dass Brett Kavanaugh überzeugt ist, nichts falsch gemacht zu haben. Sein ganzer Auftritt war der Auftritt eines Mannes, der nie Zweifel daran hatte, dass seine Sicht auf die Welt die einzig relevante Sicht auf die Welt ist. Und jetzt in einer Welt aufgewacht ist, in der sich die Regeln ändern. In der die Grenze zwischen dummer Anmache und Belästigung sich drastisch in Richtung Belästigung verschiebt. In der immer mehr Frauen die Existenzberechtigung nicht mehr von Männern brauchen, sondern selbst Machtansprüche stellen. Und das muss richtig scheiße sein, so als mittelalter, weißer Mann.

Frauen, die einen Mann falsch einer Sexualstraftat bezichtigen, um ihn zu demütigen oder das Sorgerecht für die Kinder zu bekommen oder warum auch immer, sollten zusammen mit den Männern eingesperrt werden, die wirklich Straftäter sind. Sie sind das Allerletzte. Wer sie benutzt, um die massenhafte Belästigung, Diskriminierung und Misshandlung von Frauen in unseren Gesellschaften aus dem Blickpunkt zu rücken, gehört aber in die Zelle gleich daneben. Zusammen mit denen, die an dieser Stelle daran erinnern, dass auch Männer Opfer von Sexualstraftaten sind. Ja, sind sie. Gar nicht so selten übrigens. Aber was genau ändert das jetzt an der Bedeutung von Straftaten gegen Frauen? Wenn Straftaten gegen Männer dein Thema sind, kümmer dich halt drum. Ist doch gut, wenn sich jeder um das Thema kümmert, das ihn besonders beschäftigt. Man muss dabei nicht all die anderen Themen negieren.

Was wir aber tun müssen, ist wieder solidarisch zu handeln. Verstehen, dass alle Diskriminierung auf demselben Denken beruht, nämlich, dass es besseres und schlechteres Leben gibt, wertvollere und weniger wertvolle Menschen. Dass wir miteinander arbeiten müssen und nicht gegeneinander. Darum freue ich mich derzeit über die vielen Männer, die sich klar gegen sexualisierte Gewalt positionieren, vor allem in den USA. Man mag das als linken Mainstream bezeichnen, aber ein Stephen Colbert, der Lady Gaga sprechen und ihre Aussage als Opfer sexualisierter Gewalt unkommentiert für sich stehen lässt: Ja, das will ich sehen! Ein Trevor Noah, der durch seine eigenen Diskriminierungserfahrungen so unfassbar sensibel für das Thema Sexismus ist, und immer wieder so auf den Punkt bringt, wie Diskriminierung funktioniert: Das macht mich an.

Beide zeigen mir, dass es keine Frage der Generationen ist, ob du ein Frauenversteher bist. Entweder für dich sind alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren – oder nicht. Entweder du betrachtest uns beide als gleichwertig – oder nicht. Und wenn du denkst, dass meine Sicht der Welt genauso relevant ist wie deine, dann muss es dich wütend machen – nicht, dass Brett Kavanaugh jetzt Richter am Obersten Gerichtshof der USA ist. Sondern dass es Menschen gibt, denen es total egal ist, ob er mit 17 eine Mitschülerin angegriffen hat. Weil sie sich nicht an die Adresse der Party erinnert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.