6 Irrtümer über die Rede von Björn Höcke

Am Dienstagabend hat der Fraktionsvorsitzende der AfD Thüringen, Björn Höcke, in Dresden eine Rede gehalten, die seitdem hitzig diskutiert wird. Die ganze Rede? Nein. Erst zum Ende hin sagt er diesen einen Satz, den die Mainstreammedien uns als ganz schlimmes Beispiel aus der Rede zeigen, während seine Anhänger uns erklären, dass der Satz nur falsch interpretiert ist. Und das noch absichtlich! Lügenpresse! Was machen wir also? Wir debattieren über Semantik. Bezieht sich der Genitivus objectivus auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin oder auf den Holocaust? Und damit führen wir schon wieder intellektuelle Betroffenheitsdebatten statt uns mal der Straßen-Realität zu stellen: Die Leute im Saal haben dem Typ zugejubelt! Menschen wählen den! Und seine Partei wird definitiv im September in den Bundestag einziehen. Und wie gehen wir mit Björn Höcke um?

1 – Häh? Der heißt doch Bernd.

Ja. Sorry. Das bring ich immer durcheinander.

2 – Höcke klingt wie ein Nazi

Wenn es quakt wie eine Ente und watschelt wie eine Ente…

3 – Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist KEIN Denkmal der Schande

Doch. Ist es. Soll es auch sein.

4 – Höckes Rede ist eine Frage der Grammatik

Es hat sich tatsächlich jemand die Mühe gemacht, die grammatische Konstruktion „ein Denkmal der Schande“ zu analysieren, um den Höcke-Verstehern zu erklären, dass Höcke WOHL das Mahnmal als Schande bezeichnet hat und nicht den Holocaust.

Aber, ähm. Bei allem, was man an üblen Dingen über Björn Höcke sagen kann (und muss): Mir wäre neu, dass er den Holocaust leugnet. Und ich habe ihn auch noch nicht sagen hören, dass der Holocaust nicht schlimm war. Ich gehe – zu Höckes Gunsten – davon aus, dass er genau weiß, was in Nazi-Deutschland passiert ist, und auch klug genug ist, das einzuordnen als üble Phase der deutschen Geschichte. Wenn Höcke sagt ‚Denkmal der Schande‘, dann interpretiere ich das also durchaus so, wie das auch schon andere gesagt haben: Dass wir durch das Holocaust-Mahnmal an unsere Schande erinnert werden sollen.

Natürlich ist der Holocaust eine Schande gewesen, und Björn Höcke ist sicherlich Politiker genug, um das auch nicht anders zu sagen. Wenngleich sein Relativismus einen schon ziemlich anwidert, wenn er z.B. die Bombardierung Dresdens mit dem Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki gleichsetzt. In diesem Teil seiner Rede geht es aber nicht direkt um den Holocaust, sondern um unseren Umgang damit. Es geht darum, dass Herr Höcke nicht mehr ständig an diese Schande erinnert werden will. Er möchte es vergessen. Er möchte, dass wir in Schulen nicht mehr darüber reden. Und das ist auch konsequent. Weil es eine Schande war, und Björn Höcke weiß das.

In Familien, in denen Kinder missbraucht werden, kann man dasselbe beobachten. Da wird auch früher oder später ein Familienmitglied dem Opfer erzählen, dass es jetzt aber mal gut ist und lange genug her und dass man doch dem alten Vater jetzt mal verzeihen können muss. Und vielleicht stimmt das auch. Für das Opfer. Opfer müssen irgendwann verzeihen, damit sie vom Täter unbelastet weiterleben können. Der Täter aber hat darauf keinen Anspruch. Höcke geriert sich als gedemütigtes Opfer, dem unsere Erinnerungskultur die Familienfeste verleidet. Aber er ist der schleimige Onkel, der will, dass wir nicht mehr darüber reden, was unserer Schwester angetan wurde, dass sich wieder der Mantel des Schweigens über den Missbrauch legt, damit unsere Aufmerksamkeit schwindet und wir es nicht merken, wenn er nachts in unser Zimmer schleicht.

Je deutlicher wir uns dazu bekennen, dass der Holocaust – und alles, was anderen Gruppen neben den Juden in Nazi-Deutschland angetan wurde – eine Schande für uns und unsere Geschichte ist, desto schwerer ist es für Leute wie Björn Höcke, uns einzufangen. Das hat nichts damit zu tun, sich ständig schuldig zu fühlen. Das bedeutet nur, sich der Gefahr bewusst zu sein, dass so etwas jederzeit wieder passieren kann, wenn man Demagogen das Feld überlässt.

Ja, wir alle sind keine Täter gewesen, ich weiß das. Die Gnade der späten Geburt. Ich habe früher auch so argumentiert, und ich habe auch kein schlechtes Gewissen und ich bin eine harsche Kritikerin der israelischen Politik, weil ich finde, dass Religion und Staat getrennt gehören, und deshalb Kritik an der Politik nichts mit meiner Meinung über Religion zu tun haben kann. Genauso wie ich kein Problem mit Katholiken habe, nur, weil die Andreas Scheuer wählen. Aber wir alle, du und ich, wir müssen uns entscheiden, ob wir zu denen gehören wollen, die von nichts wussten. Bei unseren Großeltern, die ohne freie Medien und in einer Diktatur zum Teil wirklich nichts wussten, da mag diese Entschuldigung gelten. Aber wir wissen es. Wir hören es täglich. Wir lesen es. Wir twittern darüber, teilen Memes und lachen uns kaputt. Wir werden uns nie wieder mit ‚das konnte ja keiner wissen‘ herausreden können.

Der Satz über das Mahnmal wird heftig diskutiert, dabei war das noch harmlos. Die ganze Rede strotzt vor Anlehnungen bei Hitler und Göbbels. Wenn du es noch nicht getan hast, hör sie dir an. Hör dir den Tonfall an, mit dem Höcke über ‚unser liebes Volk‘ spricht. Und über den vollständigen Sieg der AfD. Und mach dir selber ein Bild.

5 – Die AfD muss sich von Björn Höcke distanzieren

Nein. Das muss sie nicht. Mal abgesehen davon, dass einzelne AfD-Mitglieder seine Alleingänge und ganz bestimmte Rhetorik durchaus kritisieren. Aber die Idee, die AfD sei jetzt am Zug, ist ein denkfauler Verteidigungsprozess von Leuten, die noch immer nicht wahrhaben wollen, was das für eine Partei ist. Die Verantwortung für eine Reaktion wird der AfD hingeschoben. Von Alice Miller stammt eines meiner Lieblingszitate, das auf Deutsch ungefähr so lautet:

Menschen geben ihre Macht am ehesten auf, indem sie glauben, dass sie keine haben.“

Wenn wir die Verantwortung für eine Reaktion der AfD rüberschieben, dann tun wir das vor allem, um das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit zu kompensieren. Ich bin kein Mitglied der AfD, ich lebe nicht in Thüringen, ich habe im Bildungsministerium nichts zu sagen über die berufliche Zukunft von Björn Höcke. Und ich bin noch immer nicht verzweifelt genug, um ein Jurastudium im Knast als echte Alternative für Nalli zu betrachten, also werde ich auch keine Gewalt anwenden. Ich weiß nicht, was ich tun kann gegen – nicht gegen Björn Höcke, der ist ungefährlich. So wie Hitler ohne Göbbels. Wäre auch nix geworden. Aber die Leute, die AfD-Mitglieder, die in dem Saal am Dienstag geklatscht, gejohlt und sich haben mitreißen lassen, die machen mir Angst. Die ziehen sich Uniform an und ziehen plündernd durch die Straßen, wenn man ihnen das erlaubt. Die warten nur auf einen Führer, der ihnen das Gefühl zurückgibt, jemand zu sein, der Macht hat. Und es nützt gar nichts, ausgerechnet von denen zu verlangen, sie sollen sich distanzieren. Einzelne Parteifunktionäre mögen so tun, als ob. Aber wir sollten uns sehr klar darüber sein, dass das dann ein interner Machtkampf ist zwischen Leuten, die im Herzen dasselbe Gedankengut tragen.

Die AfD muss gar nichts, wir müssen. Wir müssen zuhören. Wir müssen darauf vertrauen, dass Menschen sich nicht absichtlich noch schlimmer zeigen, als sie sind, sondern in der Regel versuchen, einen guten Eindruck zu machen. Behalte das im Hinterkopf, wenn du zum Beispiel den Sexismus von Trump oder den Rassismus von Höcke relativierst. Hör auf, dir einzureden, die seien dumm. Der eine wird heute als Präsident der größten Militärmacht der Welt vereidigt, der andere sitzt in Thüringen im Landtag. Wie viel politischen Einfluss hast du? Die wissen, was sie tun, und sie zeigen es ganz offen. Im Vertrauen darauf, dass wir sie nicht ernst nehmen, weil es einfach zu absurd ist. Und es funktioniert, weil wir uns über Grammatik unterhalten statt den Arsch vom Schreibtischstuhl zu kriegen.

6 – Wenn wir über Höckes Rede reden, geben wir ihm den Raum, den er sucht

Das ist leider richtig. Auf den ersten Blick scheint es ein Dilemma: Wenn ich darüber rede und schreibe, wie ich Höcke verstehe, dann erreicht er, was er will. Manche sagen, man solle nicht auf diese Provokationen reinfallen und Höcke den Raum gar nicht geben. Und das klingt schon wieder so verlockend vernünftig. Und es ist doch trotzdem so falsch!

Die Annahme, Höckes Aussagen seien in erster Linie Provokation, die dazu führen sollen, dass in den Medien über ihn und seine Partei berichtet wird (und dann noch gratis, wir Idioten!), ist doch schon wieder so ein denkfauler Verteidigungsmechanismus. Natürlich kann es sein, dass diese Annahme richtig ist. Aber: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Und: Bin ich bereit, das Risiko einzugehen?

Ich will mich nicht selbst beruhigen damit, dass Höcke kein Nazi sei, sondern ein begnadeter Redner. Das war Göbbels auch. Man kann also durchaus beides sein. Und ich will auch keine Redeverbote für diese Leute. Ich will, dass die reden und dass alle ihnen zuhören. Wirklich hinhören. Damit alle genau wissen, was das für Leute sind. Und sich bewusst entscheiden können, wie sie selbst darüber denken. Statt sich einzureden, alles sei nicht so schlimm.

Ist das Ignorieren von Gefahren nicht symptomatisch für ein System, dem die Fähigkeiten und Strategien fehlen, dieser Gefahr zu begegnen? Lösungshinweis: Ja, ist es. Könnte man dasselbe über unseren Umgang mit gewaltbereiten Migranten sagen? Aber natürlich! Das ist ja genau die Lücke, in die die AfD stößt.

Marcel Reich-Ranicki hat in seiner Biografie auf die Frage, warum nicht mehr Juden aus Nazi-Deutschland geflohen sind, geantwortet, man habe sich einfach nicht vorstellen können, wie übel es werden würde. Selbst, als die ersten schon in Konzentrationslagern getötet worden waren, haben die Menschen noch gedacht, das kann Hitler nicht ernst meinen. Man kann sich das Böse, zu dem Menschen fähig sind, nicht vorstellen. Obwohl wir es doch jederzeit angucken können. In Museen, in Büchern, in Sektionssälen.

Ja, der war für die Gerichtsmediziner unter euch. Miguel Ferrer ist gestorben, bekannt aus Crossing Jordan und Navy CIS LA. Life ist short, Leute! Wir brauchen keine Politiker, die uns als Volk zu neuer Größe führen wollen. Wir brauchen Menschlichkeit, Frieden und zumindest den Versuch, mehr Chancengleichheit herzustellen, auch über Grenzen hinweg. Je mehr jeder von uns sich dabei einbringt, desto weniger Raum bleibt für die Demagogen.

Was wirst du tun?

Quellen:

Originalfoto Björn Höcke: http://afd-thl.de/presse/downloadbereich/

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