Nalli Sonnenschein

Mein Ausschnitt von der Welt

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Corona Tagebuch Woche 9

Liebes Tagebuch,

ist mir langweilig! Wenn ich doch nur auch so eine Begeisterung für die Neue Weltordnung aufbringen würde, oder dafür, mich über Leute lustig zu machen, die an so einen Schwachsinn glauben. Aber irgendwie fehlt mir dafür die Energie.

Dabei bin ich ja eigentlich ein großer Fan guter Verschwörungstheorien. Ich finde es sogar ganz außerordentlich wichtig, sich regelmäßig alternativen Erklärungen der Welt auszusetzen. Denn egal, wie viel man zu wissen glaubt: Niemand kennt ja das ganze Bild.

Jeder Mensch, egal wie schlau, kennt die Welt nur aus seiner eigenen Perspektive. Vielen reicht das. Sie richten sich in ihrem Leben ein, wurschteln halbwegs zufrieden vor sich hin, und wenn sie mal nichts zu tun haben, schalten sie den Fernseher ein, damit nur ja das Gehirn keine nervigen Fragen stellt. Und wenn eine Pandemie sie an die Wohnung fesselt, bleiben sie eben zuhause. Nur manchmal, wenn der Fernseher aus ist, kurz vorm Einschlafen, flackert so ein kleiner Zweifel auf: Wie es wohl wäre, wenn ich ihm jetzt einfach das Kissen aufs Gesicht drücke? Aber noch bevor der Gedanke ganz zu Ende gedacht ist, sind sie schon eingeschlafen.

Nur dein Ausschnitt

Dann gibt es eine ganze Reihe Menschen, die so tun, als würde es ihnen nicht reichen. Die sind sehr belesen, zitieren Piketty, deGrass Tyson und neuerdings Drosten, und können dir immer genau sagen, wen du gerade mit einem Gag „offended“ hast. Auch und vor allem dann, wenn überhaupt niemand aus der betroffenen Gruppe anwesend ist, um für sich selbst zu sprechen. Die verfügen über sehr viel Information. Aber leider nur überschaubares Wissen. Weil ihr Gehirn etwas total Verrücktes schafft: Informationen zu verarbeiten, ohne sich dabei selbst infrage zu stellen.

Ich stelle mir das so vor, als würde man für jede neue Information nicht nur einen neuen Ordner anlegen, sondern eine neue Festplatte installieren. Diese Leute wissen alles über die Ungerechtigkeit der Welt. Aber sie haben keinerlei Intention, ihr Verhalten entsprechend zu verändern. Weil die Info „Zustand der Welt“ auf einer anderen Festplatte liegt als die Info „Selbstwirksamkeit“.

Unsere Art des Lebens bringt diese Menschen hervor. Wir haben so abartig viel Zugang zu Informationen. Die meisten davon haben für unser eigenes, kleines Leben überhaupt keine Relevanz. Was interessiert mich, ob in New York Mundschutz aus ist?!?

Muss ich das wissen?

Was nicht in die eigene Bubble passt, kommt sowieso gar nicht erst bei uns an, dem ganzen Gerede über all die verfügbaren Informationen zum Trotz. Und vor allem gönnen wir uns keine Ruhe, um die Informationen miteinander zu verknüpfen. Wir sind ständig „on“. Line. Gerade dort haben unsere Handlungen immer weniger wahrnehmbaren Einfluss. Wir sehen unser Gegenüber nicht, wenn es unsere Nachricht liest. Emoticons ersetzen Gefühle. Ein Algorithmus kuratiert unseren Newsfeed. Bilder werden zu Tode bearbeitet, bevor sie gepostet werden. Vorher werden random ein paar Likes verteilt, weil dann der eigene Beitrag besser platziert wird.

Wir schreien uns virtuell die Seelen aus den Leibern ohne zu wissen, wer uns hört und was das mit dem macht.

Und dann erhört uns endlich einer und bestätigt, was wir schon lange geahnt haben: Dass da noch mehr ist als unser kleines Leben, als das, was wir bisher gesehen haben. Dass wir keine Ahnung hatten, wie die Welt wirklich ist. Und diesem jemand rennen wir jetzt, die Behelfsmasken vom Gesicht reißend, die Regierung stürzen wollend, mit Reichsflagge um die Schultern und Gesang auf den Lippen, tanzend, taumelnd und Journalisten tretend hinterher!

WAS STIMMT DENN BITTE MIT EUCH NICHT???

Kein Mensch, egal wie gebildet, erfahren oder von Natur aus intelligent, kennt von der Welt mehr als seinen kleinen Ausschnitt. Die einzige Möglichkeit, diesen Ausschnitt zu vergrößern, ist, sich die Ausschnitte von anderen Menschen zeigen zu lassen. Bücher lesen. Dokumentationen gucken. Reisen. Mit Menschen reden. Zuhören. Neue Dinge ausprobieren. Forschen. Sich Zeit nehmen für Reflektion. Und dabei immer im Hinterkopf haben: Auch all diese anderen Menschen können mir nur einen weiteren, kleinen Ausschnitt von der Welt zeigen. Und nie die ganze Welt.

Und natürlich sind ab und zu Ausschnitte dabei, die mich ins Handeln bringen. Sonst wäre es ja auch blöde Zeitverschwendung, seinen Horizont zu erweitern. Ab und zu trifft man mal jemanden, von dessen Ausschnitt möchte man noch viel mehr gezeigt bekommen. Manchmal ist ein Puzzleteil dabei, das eine Frage beantwortet, die man schon länger mit sich rumgetragen hat. Wenn du besonders mutig bist, lässt du dich mal mit deinen Privilegien konfrontieren und erkennst, wie auch du von Ausbeutung und Ungerechtigkeit profitierst. Hin und wieder stellt sich heraus, dass du dich Illusionen hingegeben oder an veraltetem Wissen festgehalten hast und du musst deinen eigenen Ausschnitt überarbeiten.

Zeig mir deinen Ausschnitt

Aber egal, wie oft du das machst, und wie vielfältig die Eindrücke sind, die du zulässt: Es bleibt ein Ausschnitt von der Welt. Dein Ausschnitt. Und das macht ihn besonders. Niemand anders verfügt über diesen speziellen Blick auf die Welt. Teile ihn. Hilf uns, ihn zu sehen und zu verstehen. Damit wir – vielleicht – unseren eigenen Horizont um deine Perspektive erweitern können.

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Aber man wirft doch nicht alles über Bord und akzeptiert fraglos die Perspektive eines anderen als die eigene! Na klar ist es anstrengend oder verunsichernd, wenn das eigene Gehirn mal mit größeren Herausforderungen konfrontiert wird. Und eine Pandemie ist erschreckend. Die massiven Eingriffe in unser tägliches Leben, die die Regierung vorgenommen hat, betreffen mich auch. Die Willfährigkeit, mit der einige das nicht nur akzeptiert, sondern sogar noch strengere Auflagen gefordert haben, hat mich am Anfang einigermaßen nervös gemacht. Dagegen zu demonstrieren ist dein Recht. Du kannst auch gegen Auflagen klagen. Oder dich ihnen widersetzen und dann mit deinem Anwalt besprechen, wie du gegen die Strafen vorgehst. Und die Regierung muss dann belegen, dass ihre Grundrechtseinschränkungen berechtigt waren. So ist das in einem Rechtsstaat.

Dein Recht – mein Recht

Weißt du, wer kein Klagerecht hat? Ich gegen dich. Wenn wegen euch Schwachmaten, die heute ohne Abstand und Masken auf „Hygienedemos“ gehen. Hygienedemo, was ist das eigentlich für ein bekloppter Name? Wenn wegen euch in ein paar Wochen wieder alles dichtgemacht wird und ich weiter nicht auftreten kann. Mein Kind weiter nicht zur Schule – darf ist vielleicht das falsche Wort in dem Zusammenhang – muss. Die Ärztinnen und Pfleger, die sich bei euch mit COVID 19 infizieren und die Kinder, die deshalb als Waisen aufwachsen.

Nicht, weil ihr von eurem Demonstrationsrecht Gebrauch gemacht habt. Sondern weil euch alle anderen Rechte scheißegal waren. Die können alle nicht klagen. Die müssen einfach damit leben, dass euer Ausschnitt der Welt so ätzend, langweilig oder winzig klein ist, dass eine kleine Gruppe mit klarer Agenda euch davon überzeugen konnte, dass Bill Gates – der olle Windows-Oppa, und nicht etwa der völlig irre Elon Musk oder der durch den weltweiten Shutdown immer reicher werdende Jeff Bezos – nein, dass Oppa Gates euch chippen lassen will. Und dass die einzigen, die das blicken, Xavier Naidoo und Attila Hiltmann sind. Das ist dein Ausschnitt der Welt?

Ich steh auf gute Verschwörungstheorien. Man muss sich ab und zu auch mal mit alternativen Erklärungen für die Welt und ihre Probleme beschäftigen. Aber man läuft dann doch nicht damit los und vergisst alles andere, was man mal gelernt hat!

Was? Ja, ich glaube, sie haben es geschluckt. Nein, das merken die niemals. Sag Oppa, ich hab das im Griff. Hdl!

Tschüss,

Deine Nalli


Quelle:

Beitragsbild: Max Kleinen auf Unsplash

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