Nalli Sonnenschein

Corona Woche 1

Beitragsbild Corona

Liebes Tagebuch,

seit einer Woche befinde ich mich in freiwilliger Isolation wegen des Corona-Virus. Den hat die Automobilindustrie aus ihren Produktionsstätten in China eingeschleppt. Und jetzt sitzen wir in unseren Wohnungen, um die weitere Ausbreitung zu verhindern. Eine riesige Feldstudie menschlichen Verhaltens in Krisen, ick freu mir!

Es gibt gute Nachrichten. Nach den Daten von Risklayer.com hat sich die Ausbreitung von Corona bereits verlangsamt. Natürlich muss man die offiziellen Daten mit Vorsicht genießen. Es werden bei Weitem nicht alle getestet. Bis Ergebnisse vorliegen, vergeht etwas Zeit. Und niemand weiß, wie hoch die Zahl der tatsächlich Infizierten ist. Aber was soll’s. Wir müssen mit den vorhandenen Daten arbeiten und Entscheidungen treffen. Und über gute Nachrichten kann man sich ja auch einfach mal freuen. Ich muss mich an diesen kleinen Hoffnungsschimmern festhalten.

Denn machen wir uns mal nichts vor: Die Situation ist schlimm. Und das Schlimmste ist gar nicht, dass ich hier eingesperrt bin. Das Schlimmste ist, dass alle anderen auch zuhause eingesperrt sind. Und Zeit haben. Die sie online verbringen. Im Internet.

Das Internet & Corona

Internet? Kennste? Ich meine, das Internet, das wurde doch quasi erfunden für so Soziopathen wie mich. Warte! Nee, Soziopathen sind die anderen. Soziophobiker, das bin ich. Soziophobiker, wir sind ja so Leute, wenn einer fragt: Wenn würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen, antworten wir: Was ist der Sinn einer einsamen Insel, wenn ich jemanden mitnehmen muss? Und für uns ist das Internet gemacht. Damit wir unsere sozialen Kontakte pflegen können ohne Notwendigkeit direkter Begegnung mit anderen Menschen. Was quasi die perfekte Vorbereitung für eine Pandemie ist.

Aber mittlerweile darf ja jeder ins Internet, das intellektuelle Niveau da liegt ungefähr bei dem von Fußpilz. Tschuldigung, Fußpilz. Und ich spreche jetzt nicht von denen, die einfach – einfach, naja. Also, eine Menge Leute haben ihre Arbeit ins Netz verlegt. Meetings werden virtuell abgehalten. Künstler streamen Musik und Lesungen für ihre Fans. Petitionen und Finanzierungskampagnen werden aufgesetzt für all die, die jetzt ihre Einkommensquellen verlieren, weil wir den Bums zumachen hier. Es passieren viele gute Dinge da draußen. Das ist wunderbar.

Leider wird der Zugang zum Netz aber nicht kontrolliert, nach dem Motto: „Willst du hier deine GoFundMe-Seite teilen, oder eine Verschwörungstheorie über den Ursprung des Coronavirus?“ Ich glaube ja, dass viel von dem Rotz der Angst geschuldet ist. Wenn eine Gefahr auftaucht, wird der Mensch erstmal panisch. Und da der Virus kein Säbelzahntiger ist, der dich frisst, während du überlegst, haste halt Zeit für‘s Schiss haben. Und da du auch nirgends hingehen sollst, wirst du die Energie, die der Körper für Kampf oder Flucht mobilisiert, auch nicht los. Das Gehirn wird unter Stress nicht gut durchblutet. Anders kann ich mir einzelne Entwicklungen der letzten Woche nicht erklären.

Entwicklungen wie:

 #AusgangssperreJetzt

Das Volk soll daheimbleiben. Die meisten Leute halten sich da auch dran. Aber wie immer gibt es auch Idioten, die sich nicht an die Regeln halten. Wie AUDI-Fahrer die Straßenverkehrsordnung ignorieren. Das gibt es überall. Aber wenn so ein AUDI in der Stadt mit 80 Klamotten an dir vorbeizieht, hast du wenigstens die Genugtuung, dass ihr an der nächsten Ampel wieder nebeneinandersteht. Oder du noch das rote Blitzlicht siehst, wenn er die Ampel zu schaffen glaubt. Karma is a Bitch, und meine Güte! Rasen will ich ja gar nicht. Ich will nur, dass er dafür bezahlt oder bei einem Unfall keine Unbeteiligten verletzt. Sondern nur sich selbst.

Aber mit Freunden im Café sitzen? Party an der Alster? Shopping mit der besten Freundin? Das sind alles Dinge, die sogar ich attraktiv finde, seit ich sie nicht mehr machen darf. Was bilden sich die verantwortungslosen Penner ein, die sich jetzt immer noch mit Freunden treffen und alle in Gefahr bringen, mit denen die sich dann wiederum treffen?!? Wenn ich wenigstens wüsste, dass es die zuerst trifft! Und dass sie dann auf der Intensivstation keine Krankenschwester anstecken. Die dann das Corona-Virus zu ihrer Familie nach Hause schleppt. Wo sich die kleine Tochter ansteckt, die mit dem Asthma. Und dann stirbt, WEIL DU SCHNELL NOCH DEINEN DOPE-HAMSTERKAUF ERLEDIGEN MUSSTEST, DU SPACKEN!

Corona & Gerechtigkeit

Wir können uns vor den ungerechten Verläufen nicht schützen. Und wir haben Angst. Also fordern wir den starken Staat. Mutti soll uns Hausarrest erteilen, allen denselben. Das fühlt sich gerecht an. Wie bei meiner Oma, die nie ihr Geschenkebudget überschritten hat. Sie sagte immer: „Wenn ich dir jetzt etwas Teureres kaufe, dann muss ich das auch bei den anderen machen. Und das kann ich mir nicht leisten.“ Aus ihrer Sicht völlig nachvollziehbar. Aber ich habe nie verstanden, warum es so schwer ist, ein Jahr mir etwas Teureres zu schenken und im nächsten Jahr meinem Cousin. Gleicht sich doch alles wieder aus, dachte ich mir. Aber so ticken die Menschen halt nicht.

Das ist auch durch Studien bestätigt. So möchten z.B. Mitarbeiter gern individuelle Belohnungen haben, wenn man sie danach fragt. Wenn sie dann aber alle unterschiedliche Belohnungen kriegen, weil der eine gern eine Fortbildung machen will und die andere lieber einen größeren Dienstwagen hätte, dann kommen sie damit nicht gut zurecht. Sie können die einzelnen Belohnungen nicht miteinander vergleichen und deshalb die Fairness nicht mehr beurteilen.

Karma ist ’ne Bitch

Wenn also 80% der Menschen drinnen bleiben und 20% nicht, dann ist es ungerecht, wenn die 20% a) nicht krank werden, weil alle anderen drinnen waren oder b) krank werden und dadurch Dritte schädigen. Ich kann weder sicherstellen, dass die 20% ihrem Karma entsprechend krank werden, noch, dass sie dann niemanden gefährden. Also will ich, dass sie sich an die Regeln halten. SO WIE ICH! Ich verzichte doch auch auf alles. Meint ihr, das finde ich witzig?

Und weil ich mich freiwillig an die Regeln halte, will ich, dass die Regeln FÜR ALLE verschärft werden. Bundesweit! Dass es dafür keine gesetzliche Grundlage gibt in der BRD: geschenkt. Dass es einen guten Grund dafür geben könnte, dass wir der Bundesregierung diese Macht nicht eingeräumt haben: Vogelschiss! Dass ich nicht einen Mediziner / Virologen etc. gefunden habe, der generelle Ausgangssperren für eine sinnvolle Maßnahme zur Eindämmung von Corona hält: „Das RKI untersteht dem Bundesgesundheitsminister. Die würden dem nie widersprechen!“

Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!

FUMP.

Daneben!

Neben dem Einzug der AfD in den Bundestag hat mir bisher nichts so sehr zu denken gegeben wie die Bereitwilligkeit, mit der Menschen Grundrechte außer Kraft setzen wollen, weil sie Angst haben. Ich habe Verständnis für die Angst. Wenn man sich bedroht fühlt und nicht weiß, wie man sich wirklich schützen kann, ist das ein normales Gefühl. Was ich nicht verstehe – und noch nie verstanden habe, ist die Entscheidung, die Angst gewinnen zu lassen. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten und die Freiwilligkeit, mit der Menschen die Kontrolle über ihr Leben abgeben. Wenn nur einer verspricht, ihnen die Angst zu nehmen.

Das macht mir Angst. Mehr als ein Virus. Mehr als ein überfordertes Gesundheitssystem. Mehr als die Schwachsinnigen, die bereits von Utopia faseln, noch bevor der Lagerkoller richtig eingesetzt hat. Welche Grundrechte sind wir bereit zu opfern, um nicht zu ersticken? Und ich meine: opfern. Nicht: freiwillig zurückstecken zum Wohle der Gemeinschaft, obwohl ich auch anders handeln könnte. Ich meine die Haltung: Zwing mich, bitte!

Da komme ich nicht umhin mich zu fragen:  Welches wird der zweite Grund sein, für den wir bereit sind, Grundrechte zu opfern?

Und dann fällt mir wieder ein, was gerade in Griechenland los ist, und mir wird klar: Corona IST schon der zweite Grund, du Dummerchen.

Hab einen schönen Sonntag, liebes Tagebuch. Danke für’s Zuhören.


Copyright:

Beitragsbild: by Hannes Richter on Unsplash

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