Nalli Sonnenschein

Isolation – Corona Tagebuch Woche 3

Beitragsbild Isolation

Leben in Isolation ist scheiße. Diese Woche war doof. Ich dachte, ich kann von Wut direkt zu Verhandlung übergehen. Aber da habe ich die Rechnung ohne die Depression gemacht. Schöner Mist! Ich habe das immer für so ein bipolares Überbleibsel aus meiner Jugend gehalten. Letzte Woche war das Energielevel einfach zu hoch. Danach gibt’s in der Regel drei Tage Migräne und dann das große Flennen. Vielleicht war ich auch in Wahrheit nie bipolar, sondern habe nur eine hormonell bedingte, zyklische Migräne.

Und vielleicht sind Depressionen auch gar keine Krankheit, sondern eine völlig normale Reaktion aufs Leben.

Was für 1 Leben

Ernsthaft. Wenn man mal genau darüber nachdenkt, ist es doch so: In den ersten 20 Jahren bist du im Grunde allein nicht lebensfähig. Dann kommen 20 richtig geile Jahre, die du aber nicht zu schätzen weißt, weil du damit beschäftigt bist, irgendwelche hirnlosen Penner zu beeindrucken, die dir eigentlich am Arsch vorbeigehen. Like mich, like mich! Alles für irgendwelche Schwachköpfe, deren Existenz du heute lieber vergessen hättest.

Irgendwann fällt dir das auf. Dass du dein Leben eigentlich mit völliger Irrelevanz verbringst, und du fängst an, wirklich DEIN Leben zu leben, zu machen, was dich glücklich macht. Kabarett zum Beispiel. Oder mit einem Bulli durch Schottland fahren. Das Haus verkaufen und auf ein Boot ziehen. Und ja, wir posten das immer noch. Also, falls ihr mir folgen wollt, ich bin bei Facebook, Twitter, Pinterest, YouTube und Instagram.

Natürlich postest du immer noch, was dich glücklich macht, aber es interessiert dich nicht mehr wirklich, wie viele Likes du dafür kriegst. In der Mitte des Lebens ist totale Entspannung. Oder soll auf meinem Grabstein mal stehen: Nallis Programm hat allen gefallen, nur ihr nicht? NEIN! Nein, jetzt geht es nur darum, ob es mir gut geht, ob ich Spaß hab.

Single in Isolation

Dein Körper, die Bitch, merkt das natürlich auch, dass sich da was tut. Und genau in der Sekunde, in der du endlich das Gefühl hast: „Ich hab‘s geschnallt, ich bin glücklich“, legt der Körper den Schalter um und fängt an zu verfallen. Kaum hast du die Kinder aus dem Haus, werden die Eltern Pflegefall, und wenn es dann gut läuft, hast du selber nochmal 20 Jahre, in denen du wieder alleine nicht lebensfähig bist. Das ist doch scheiße. Kein Wunder, dass Menschen da depressiv werden.

Was nicht zur Erheiterung beiträgt: Am Dienstag ist mir schlagartig klar geworden, dass ich mindestens bis zum Ende der Corona-Ferien Single bleiben werde. Normalerweise ist das unbemannt Sein ein Zustand, den ich so mäßig ok finde. Aber: Welchen Sinn hat denn das Leben, wenn die ganze Spezies eingesperrt zuhause sitzt und ausstirbt, weil es zu gefährlich ist, sich einen Gefährten zu suchen?

Andererseits gehen ja jetzt alle online. Möglicherweise ist es für mich an der Zeit, es doch endlich mal mit Online-Dating zu probieren. Wenn man zu lange Single ist, dann fängt ja das Umfeld an rumzunerven, nä. Die beste Freundin: Ich versteh das gar nicht, du bist so toll, warum will dich denn keiner? Der beste Kumpel: Ach, Nalli, in einem anderen Universum wären wir ein tolles Paar. Und meine Mutter: Kind, such dir einen Mann! Wenn eine Frau zu lange nicht vögelt, wird sie schrullig.

Danke für die Information.

Bin ich schon verzweifelt genug?

Bisher konnte ich Online-Dating erfolgreich umschiffen. Wer sich schon nicht traut, mich am Wasserloch aufzureißen, wie lange soll der mit mir glücklich werden? Außerdem habe ich zu Online-Dating so viele Fragen! Zum Beispiel: Was sind Singles mit Niveau? Akademiker weiß ich, das bin ich. Aber wer sind die anderen? Welches Niveau? Die Nordsee bei Ebbe hat auch ein Niveau. Aber will ich das?

Wie viele Mitglieder hat Parship? Und wenn sich alle 11 Minuten einer verliebt, wie lange dauert es dann statistisch, bis sich zwei in denselben Menschen verlieben? Wie lange, bis sich zwei ineinander verlieben? Und parshippen die dann gemeinsam?

Seit wann ist parshippen überhaupt ein Wort? Ich parshippe jetzt. Klingt eher nach einem Segelkurs für Golfer als nach Online-Dating. Und vor allem: Wie lange dauert denn so eine Partnersuche online, und wie lebenserfüllend kann die Suche sein, wenn man dafür gleich ein neues Wort erfinden muss?

Online-Dating

Ich kann mir genau vorstellen, wie so eine Partnersuche online bei mir ablaufen würde: Vielleicht melde ich mich mal probehalber an. Bei dem Service mit den Singles mit Niveau vielleicht. Da machen die doch auch diesen wissenschaftlichen Test zur Partnerwahl ganz am Anfang. Wo du so lebenswichtige Fragen gestellt bekommst wie: Welche Haarfarbe soll dein Traummann haben und wie hoch muss sein Jahreseinkommen mindestens sein? Sind Kinder, Rauchen oder lebende Eltern ein Ausschlusskriterium? Das beantworte ich alles mit: Ist mir völlig egal. Ich wäre glücklich und zufrieden mit der riesengroßen, einzig wahren Liebe.

Hoch wissenschaftlich bekomme ich dann nach 5 Minuten die automatisierte Auswertung ins Email-Postfach. Und die ersten Partner-Vorschläge natürlich auch, streng orientiert an meinen Prioritäten. Vorschläge 1 bis 3 sind alle verheiratet und auf der Suche nach Spaß im Bett. Vorschlag vier werde ich nicht mehr lesen können vor Lachen. Dann werde ich den PC runterfahren und künftig wieder aufgetakelt um die Häuser ziehen.

Aber erst, wenn Jens Spahn dafür sein O.k. gibt. F***!

Physische Isolation

Mich nervt es, physisch von anderen Menschen abgeschnitten zu sein. Das Kind ist auch kein adäquater Ersatz. Zu viel Stoff für die Therapie darf man dem Nachwuchs nicht liefern, wenn man irgendwann noch gepflegt werden möchte.

Ich möchte in der U-Bahn genervt sein von der lauten Musik aus dem Kopfhörer neben mir! In einer Bar sitzen und nicht bedient werden. In der Disco angetanzt werden und mich darüber aufregen, dass man als Frau nicht alleine ausgehen kann, ohne angetanzt zu werden.

Im Außenbereich finde ich es noch ganz angenehm, dass Menschen Abstand halten. Die kenn ich ja nicht. Das Kuschelbedürfnis, das manche Menschen an der Supermarktkasse ausleben, macht mich schon irre, wenn sich gerade kein tödlicher Virus um den Globus arbeitet. Den Zwang zum Einkaufswagen und Mindestabstand zu Fremden begrüße ich daher außerordentlich.

Freundschaften aber sind für mich was Handfestes. Videochats sind kein Ersatz. In den Nachrichten heißt es ständig, das Land stünde still. Aber das tut es überhaupt nicht! Das Leben geht einfach weiter. Der Blob, mit dem meine Stiefschwester schwanger ist, wird geboren sein, wenn wir uns wiedersehen dürfen. Und ich hatte dann keine Gelegenheit, seine oder ihre Tritte in ihrem Bauch zu spüren und mich mit ihr zu freuen.

Rest in Isolation

Ein Todesfall im Abi-Jahrgang. Nach dem letzten Mal haben wir uns bei mir getroffen, weil die Bestattung im Ausland stattgefunden hatte. Dieses Mal können wir weder zur Bestattung noch an anderer Stelle zusammenkommen. Und es fühlt sich an, als würden wir diesen Abgang aus unserer Mitte weniger betrauern als den ersten. Das ist unfair.

Und ich will kein Zoom-Meeting, wo eigentlich sich in den Arm nehmen und ein Taschentuch reichen die Gesten sind, die wir brauchen. Oder schweigend zusammensitzen. Physische Nähe ist tröstend, wie es keine Email je sein könnte. Sie braucht keine Worte. Denn sogar als Kabarettistin ist es manchmal besser, einfach mal den Mund zu halten.

Telekolleg Isolation

Den Mund zu halten würde ja so vielen Leuten gut zu Gesicht stehen gerade! Das Leben von irgendwelchen Z-Promis wird ja nicht interessanter dadurch, dass sie zuhause bleiben müssen. Wie RTL schmerzlich erfahren musste. Aber es gibt immer noch genug Sendungen aus Wohnzimmern!

Warum führt die Isolation dazu, dass mehr und mehr Blödmänner mehr und mehr Blödsinn in die Kameras labern dürfen? Sind alle intelligenten Menschen außer Prof. Drosten tot? In jedem Fall scheinen aber alle intelligenten Frauen zuhause bei ihren Kindern oder anderen pflegebedürftigen Verwandten zu sitzen. Deren Sendezeit hat sich magischer Weise nicht erhöht. Auch das macht mich traurig.

In Talkshows sitzen die Gäste jetzt 1,5 m auseinander und alle, die deshalb nicht mehr ins Bild passen, werden aus ihren Wohnzimmern zugeschaltet. Statt die Gästezahl auf ein erträgliches – und relevantes – Maß zu reduzieren. Muss wirklich jeder Virologe des Landes einmal seine Fachmeinung dem breiten Publikum vorgestellt haben? Gut, Zeit genug hätten wir ja. Aber angesichts der offenbar werdenden Unkenntnis der wissenschaftlichen Grundlagen beim breiteren Publikum, wäre es nicht der Krise angemessen, Anne Will, Sandra Maischberger und Markus Lanz durch das Telekolleg Biologie, Chemie und Mathematik zu ersetzen?

Was war sonst noch los?

Ach ja! Die Amerikaner haben angefangen, weltweit Lieferungen an Schutzausrüstung abzufangen, die z.B. von europäischen Ländern und Behörden bestellt worden sind. Für mich ist das jetzt schon die Lektion der Krise: Geld schlägt Prävention. Und immerhin wissen wir jetzt, wen 45 meinte, als er sagte, die USA befänden sich wegen Corona im Krieg.

Wer derzeit ebenfalls Hochkonjunktur hat, anscheinend, sind Spammer. Die sitzen vermutlich auch alle gerade im Home-Office. Ich habe diese Woche so viel Vermögen geerbt oder als Spende angeboten bekommen wie sonst in einem ganzen Jahr. Und all die Banker, die bei der Recherche auf mich gestoßen sind, und für eine geheime Transaktion einen vertrauenswürdigen Geschäftspartner wie mich suchen! Ich habe kurz überlegt, eine automatische Antwortemail mit meinem PayPalMe-Link einzurichten.

Ob das funktionieren würde?

Klopapier ist immer noch schwierig zu bekommen. Dafür ist Hefe jetzt überall ausverkauft. Was echt irre ist. Weil alle Supermärkte und alle Bäcker geöffnet haben. Niemand muss neuerdings selbst Brot backen. Andererseits muss man die Zeit zuhause ja auch irgendwie rumkriegen. Ich stell mir die Eimsbütteler Muttis vor, die sonst keine Kohlehydrate essen, wie sie Gebäck für sich entdecken. Und am Ende der Isolation fett und glücklich wieder aus ihren Altbauwohnungen hervorkommen. Das wird schön!

Überhaupt sollte ich jetzt mal über meine schlechte Laune hinwegkommen. Ich lebe ja immerhin nicht in einem griechischen Flüchtlingslager oder bin Krankenschwester in Großbritannien. Oder sonst irgendwo.

So, liebes Tagebuch, jetzt muss ich auf Facebook gucken, ob ich das Tiny House gewonnen hab! Dann zieh ich an eine Milchkanne ohne Internetanschluss und lege mir einen Streichelzoo mit Lämmern und kuschelweichen Kaninchen zu. Drück mir die Daumen!

Herzlichst, deine Nalli

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